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EIN WENIG GESCHICHTE ...

Beinahe jedes historische Gebäude von Krakau, möge es noch so klein und unauffällig wirken, besitzt seine akribisch dokumentierte Geschichte und sogar seine eigene, ganz besondere Genealogie. Gemeint ist die Familiengeschichte der jeweiligen Eigentümer eines Hauses oder Grundstücks, die nicht selten als hochgeachtete Persönlichkeiten in der Geschichte ihrer Heimatstadt oder gar des ganzen Landes eine überragende Rolle zu spielen vermochten. Dieser Tradition sind wir uns kaum bewußt, wenn wir durch die Stadt wandeln und z.B. die in unmittelbarer Nähe des prestigeträchtigen Nowodworski-Lyzeums in der Straszewski-Str. gelegenen drei kleinen, weißen Häuser betrachten, oder womöglich nur einen flüchtigen Blick auf sie werfen. Selbst die leidenschaftlichen Liebhaber der Geschichte Krakaus bezeichnen diesen Gebäudekomplex irrtümlich als das "Weiße Palais", und nur ganz wenige wissen noch, daß es einst der Familie Potocki gehörte.


 

Blick auf die Residenz von der Parkseite

 
Szreniawa - Familienwappen des Hauses Lubomirski

Bevor wir die einzelnen Teile dieses Gebäudekomplexes näher betrachten, möchten wir noch seinen früheren Besitzer Respekt zollen. Die uns aus den ältesten überlieferten Vermerke bekannten Besitzer dieses Anwesens waren Stanislaw Lubomirski (Großmarschall der polnischen Krone) und dessen Gattin Izabela vom polnischen Fürstengeschlecht Czartoryski. Dieser Ehe entsprang eine Tochter namens Julia, die den bekannten Weltenbummler und Verfasser der berühmten "Handschrift von Saragossa", Graf Jan Potocki heiratete. Izabela Czartoryska hat ihren Grundbesitz ihren beiden Enkeln, Alfred (Gründer der in Lancut residierenden Linie der Familie Potocki, erster Ordinatus von Lancut) und Artur (Gründer der Krzeszowicer Linie des Hauses Potocki) vermacht. Da die Mutter der beiden Brüder frühzeitig verstarb, hat die Großmutter Izabela die gesamten Güter verwaltet, bis Alfred und Artur die Volljährigkeit erreichten. Erst 1822 teilten die Brüder die geerbten Güter untereinander, so daß die Krakauer Residenz, auch als "Rzedzichower Residenz" bekannt, zunächst Artur und später dessen Sohn Adam zufiel. Der Letztere wurde in Galizien als konservativer Politiker, Mitglied des österreichischen Staatsrates und eine der Schlüsselfiguren innerhalb der politischen Gruppierung "Stanczycy" bekannt. Die Krakauer Residenz hat seine Tochter Zofia als Mitgift in die Ehe eingebracht, als sie den angesehenen Landtagsabgeordneten, Graf Stefan Zamoyski heiratete. Ihre Enkelin Roza ist wiederum Mutter des heutigen Besitzers, Graf Wladyslaw Tarnowski. Dieses bunte Panorama der polnischen Hochadelsgeschlechter, mit deren Namen sich die Geschichte des Schlosses verbindet, wurde durch eine etwas weniger erfreuliche Schicksalsfügung aus der neuesten Geschichte Polens zusätzlich bereichert. Im Jahre 1945 fanden in der Residenz viele Familien Zuflucht, die man wegen ihrer "falschen" Klassenzugehörigkeit in der damaligen Sprachregelung "ehemalige Gutsbesitzer" nannte. Infolge der von den kommunistischen Machthabern Polens durchgeführten Bodenreform und Parzellierung des Großgrundbesitzes verloren sie alles. Die aus ihren Besitzungen vertriebenen Familien konnten sich hier jedoch auch nur bis 1946 aufhalten - danach wurde auch diese Residenz völlig rechtswidrig beschlagnahmt. Erst im Jahre 1990 konnte der rechtmäßige Besitzer sein Eigentum wieder erlangen.

Leliwa - Familienwappen des Hauses Tarnowski

Jelita - Familienwappen des Hauses Zamoyski

Das heutzutage aus drei Teilen bestehende, am Rande des grünen Planty-Ringes und in unmittelbarer Nähe der Königsburg Wawel in der Straszewski-Str. gelegene Objekt ist wohl die einzige erhaltene Adelsresidenz in diesem Teil von Krakau. Das Hauptgebäude wurde zwar nach dem 1855 entstandenen Entwurf eines näher unbekannten Architekten Namens J.Herzog errichtet, nichtsdestotrotz gilt der Wiener Wilhelm Hoffbauer berechtigterweise als Autor der Baupläne für die gesamte Anlage. Hoffbauer, der 1826 nach Polen zog, war einer den engsten Mitarbeiter des berühmten Architekten Karl Friedrich von Schinkel, der zu jener Zeit den Entwurf für das Potocki-Palais in Krzeszowice erstellte. Hoffbauer war für die Ausführung der Pläne des Berliner Meisters vor Ort zuständig, gleichzeitig nahm er den Auftrag für den Umbau der Krakauer Residenz der Familie Potocki entgegen, in dessen Rahmen ebenfalls der Bau von zwei Seitenhäuser geplant wurde (1835-1837). Die beiden Objekte sind als eher schlichte Baukörper mit Walmdach und Walmgauben und einer etwas vereinfachten, wenn auch nach wie vor klassizistisch angehauchten Gliederung geplant und ausgeführt worden. Obgleich sie auf den ersten Blick nicht unbedingt als eine besondere Leistung der Baukunst auffallen, fügen sich die beiden Häuser ganz eindeutig in den typischen Baustil Schinkelscher Prägung. Etliche architektonischen "Zitate" aus anderen Werken des hervorragenden Berliner Baumeisters sind sogar unverkennbar.

An dieser Stelle soll noch die Tatsache erwähnt werden, daß Hoffbauer von der Familie Potocki auch später noch einen weiteren anspruchsvollen Bauauftrag erhalten hat, und zwar sollte er Baupläne für eine von der Familie gestiftete Kapelle am Seitenschiff des Doms auf der Krakauer Burg erstellen.

 

Pilawa - Familienwappen des Hauses Potocki

Ursprünglich wurde die Krakauer Residenz von der Familie Potocki keineswegs als deren städtischer Wohnsitz in Anspruch genommen - das Haus bot hauptsächlich Unterkünfte für Besucher und eigene Hofleute, in den Seitenpavillons wurden dagegen Pferdeställe, Wagenremisen und Lageräume eingerichtet. Erst gegen Ende des 19. Jh. begann die bereits erwähnte Zofia Zamoyska, de domo Potocka, das Gebäude zu Repräsentationszwecken zu nutzen. In den Jahren 1892-95 wurde der Komplex erneut umgebaut - so wurde beispielsweise der sog. Gartensalon auf der Verlängerung dessen Zentralachse um einen hellen Fenstervorsprung erweitert. Auch die Innenräume wurden neu gestaltet, um den bis heute erhaltenen, mit den Familienwappen der Zamoyski (Jelita) und Potocki (Pilawa) verzierten Kamin als ein repräsentatives Element der neuen Einrichtung zu nennen. Entworfen wurde das Prachtstück von einem herausragenden Krakauer Architekten, Teodor Talowski, der als Autor von zahlreichen stilvollen Wohnhäuser (wie etwa das Haus "Zur Spinne" in der Karmelicka-Str.) in die mehr als nur lokale Architekturgeschichte eingegangen ist. Dem Stadpalais wurde ein neues, im Stil der Neurenaissance gehaltenes Kostüm angelegt. Die Fassaden verdanken ihren abwechslungsreichen Charakter den phantasievoll gestalteten Fenstereinfassungen.

Die Residenz war von einem Garten umgeben, der heute noch gewisse Spuren der ursprünglichen, streng geometrisch gegliederten Anlage erkennen läßt.

Eines der Nebenhäuser wurde neuerdings zu einem Hotel umgestaltet, dessen Name - Hotel Maltanski - sich hervorragend in die aristokratische Tradition und "Genealogie" dieser Residenz fügt. Es bleibt zu hoffen, daß dieser nunmehr viel besuchte Ort in jedem Krakauer Reiseführer entsprechend gewürdigt wird...

Text: Andrzej Betlej
Familienwappen: Joanna Betlej